Liebes Tagebuch,

heute war wieder einer dieser Tage, an denen ich am liebsten geschrien, gegen die Wand geschlagen oder einfach alles von der Küchenzeile geworfen hätte. Letzten Endes wäre es ein kurzer Ausbruch gewesen und ich beziehungsweise mein Mann hätte es aufräumen müssen. Also noch mehr Arbeit, dabei wollte ich nach dem Kochen “nur” aufräumen. Mein Körper hatte da aber andere Ansichten und ich scheiterte schon daran, dass ich den Müllbeutel nicht von der Rolle bekam und merkte, wie mein Kopf pochte, mir warm wurde, ich immer mehr zitterte, mir schlussendlich die Rolle mit samt Beutel runterfiel und ich nicht mehr dran kam.

Ich habe eine angeborene Muskelerkrankung, die mir hier und da mein Leben erschwert. Ich oder besser gesagt mein Körper legt mir immer wieder selbst Steine in den Weg, die ich dank schwacher Muskeln ironischerweise körperlich nicht selbst aus dem Weg räumen kann.

Mit der Zeit lernte ich, dass es immer einen Weg gibt, wenn man bereit ist, zu kämpfen und etwas verändern möchte. Ich lernte, meine Stärken zu erkennen und mich mit mir zu arrangieren. Dennoch werde ich seit 2014 immer wieder aus der Bahn geworfen. Ich kämpfte mich wieder auf meinen Weg und lernte sogar meinen jetzigen Ehemann kennen, der mich seit Ewigkeiten als “normal” sah und mir keinen Stempel mit “behindert” aufsetzte. Ostern 2016 trafen wir uns das erste Mal und sofort spürten wir eine Verbindung, die wir nicht beschreiben konnten.

Wir wussten nicht, was daraus werden würde, wollten es aber herausfinden. Anfangs besuchte er mich jedes zweite Wochenende, da er weiter weg wohnte. Nach ein paar Monaten wurde dann aber schnell jedes Wochenende draus. Wir genossen die Nähe des anderen und ergänzten uns gut. Dann bekam ich wieder gesundheitliche Probleme und schämte mich auch, da wir ohnehin nicht das tun konnten, was andere Paare taten, wie Fahrradfahren oder ähnliches. Ich musste mich ständig hinlegen und ausruhen und wollte niemand zur Last fallen. Ich bin aber auch kein Mensch, der jammert. Sorgen, dass das nicht aufhört und mein Freund das nicht auf Dauer mitmacht, machte ich mir dennoch. Immer wenn es etwas besser wurde, bekam ich wieder einen Rückschlag, was der Beziehung irgendwann einen Knacks gab. Mein Freund bekam schlechte Laune, ich war traurig und so ging es eine Weile. Da die Situation uns beide immer weiter runterzog, nahm ich meinen Mut zusammen, um mit ihm zu reden. Ich schilderte ihm alles, was mich bedrückte und was ich fühlte und bat ihn, ebenfalls nachzudenken. Darüber was er fühlt und was er für die Zukunft möchte und wir uns erst dann wiedersehen, wenn er es weiß. Ich wusste, ich liebte ihn, aber auch so sehr, dass ich ihn gehen lassen würde, damit er eine gute Zukunft haben kann und das, ohne mich schlecht zu reden. Ich weiß, was ich kann und was nicht. Weiß, wie ich aussehe und wie andere aussehen. Und weiß, wer ich bin und wer nicht. Zwei Wochen schrieben wir sehr verhalten und selten miteinander. Dann kam das dritte Wochenende, wo wir uns nicht trafen und ohne, dass ich es wusste, stand er plötzlich vor mir, nahm mich in den Arm und offenbarte mir, dass er ohne mich nicht kann.

Wir vereinbarten, dass wir immer über alles reden, was uns beschäftigt und dass wir gemeinsam alles meistern werden.
Mittlerweile sind wir verheiratet und wohnen zusammen. Gesundheitlich geht’s mir immer noch nicht sooo viel besser, wie man heute Mittag merkte, aber ich habe einen Mann an meiner Seite… Meinen Mann, der mich in den Arm nimmt und mir sagt: “Du bist stark, wir schaffen das zusammen”, oder der mich mal wieder auf den Arm nimmt, um mich zu ärgern, damit er sagen kann, dass ich süß bin, wenn ich mich aufrege.

Wir haben gelernt, dass es wichtig ist, immer über alles zu reden, und ergänzen uns somit gut. Natürlich nervt es ihn auch, wenn ich keine guten Tage habe und es mir schlecht geht. Ich dachte viel darüber nach, dass es meine Schuld sei, aber ändern kann ich es nicht und mein Mann sagte mir auch, dass es ihn eher nervt, dass er nichts dagegen tun kann. Das wiederum stärkt mich. Ich habe ihm und mir geschworen stark zu bleiben und zu kämpfen, damit wir weiterhin füreinander da sein können.
Ich kann nur immer wieder danke für dieses Zusammenbringen sagen und vor allem die Geduld, die er mitbringt. Ich finde, das ist wichtig in einer Beziehung.

Ich bin nun 5 Jahre mit ihm zusammen und wir hatten Höhen und Tiefen. Gelernt habe ich immer über alles zu reden oder anderweitig mitzuteilen, da man manchmal zu viel nachdenkt und es anders gemeint war.
Wir leben so in guter Harmonie zusammen und geben unser Bestes.

Deine Kim

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12.04.2021 Krankheit (in der Beziehung)

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